Meine Erfahrung bei der Schülerakademie China

Liebe Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler und Eltern,
vor knapp einem halben Jahr war ich Teil der Deutschen Schüler Akademie, kurz DSA. Damit das “ich” nicht zur Verwirrung führt: Ich bin Nils Bienwald, Schüler der Stufe Q1. In diesem Bericht werde ich diese Erfahrung nochmals Revue passieren lassen. Zu Beginn ist vielleicht noch interessant, was die DSA überhaupt ist. Bei der DSA handelt es sich um eine Art “Feriencamp”, das sich gezielt an breit interessierte, sehr gute Schüler richtet und zwei Wochen lang, vor allem in den Sommerferien, die Möglichkeit bietet, sich – auf einem Studium ähnlichen Niveau – mit einem spezifischen Thema zu befassen. Dabei gibt es über Deutschland verteilt verschiedene Akademien, alle mit einem anderen Programm, jedoch alle mit dem Ziel, am Ende eine knapp zweiseitige “Facharbeit” zu schreiben. Ich zum Beispiel habe die Akademie mit dem Schwerpunkt China besucht.
Auf dieser gab es insgesamt fünf verschiedene Kurse. Einen aus dem Bereich der Philosophie, einen weiteren der Literatur und Geschichte als Schwerpunkt hatte, dann noch einen im soziologischen Bereich, der die Gesellschaft Chinas betrachtete, und dann noch jeweils ein Kurs für Geo- und Wirtschaftspolitik. Ich hatte mich zwar auch für den Philosophischen Bereich beworben, bin aber schlussendlich in dem Literatur- und Geschichtskurs mit dem Titel “Su Shi und die Song-Dynastie“ gelandet. Eine weitere Besonderheit war, dass man neben dem Kursprogramm auch noch täglich eine Stunde Chinesisch-Unterricht hatte, der einem die Basics der chinesischen Sprache näherbringen sollte.
Zunächst beschreibe ich meine Erfahrung im Kursverband. Wie schon erwähnt war ich im Kurs aus dem Literatur- und Geschichtsbereich. Der geschichtliche Aspekt wurde zum einen dadurch abgedeckt, dass wir uns intensiv mit der Song-Dynastie befasst haben, aber auch mit der, zu jener Zeit wichtigen, Person Su Shi. Der literarische Bereich wurde durch das Analysieren und Interpretieren von Gedichten aus der “Song-Dynastie” abgedeckt. Insgesamt hatte ich zweimal am Tag Kurs, einmal von 9 bis 12 Uhr und einmal von 15 bis 18:30 Uhr. Davor hat es Frühstück und Plenumssitzungen gegeben, dazwischen Mittagessen und Chinesisch und danach Abendessen und Freizeit. Einzige Besonderheit war der Montag, an dem die morgendliche Schiene ausgelassen wurde, und an einem Tag hat eine Exkursion stattgefunden.


Nun wieder zum Kurs. Am ersten Tag hatten wir abends nur eine kleine Begrüßung und es wurde besprochen, welche Themen unsere Kursleitenden mit uns durchbringen wollten. Das wirkte noch alles sehr entspannt, am zweiten Tag hat dann das wirkliche Programm begonnen. Ich kann sagen: so einen Stress hatte ich bisher noch nicht verspürt. Wir wurden täglich immer zufällig in Gruppen eingeteilt, mit denen wir dann das Thema des Tages mit dem uns gegebenem Inhalt erarbeiten mussten. Insgesamt bestanden die Gruppen immer aus drei bis fünf Personen, da wir im Kurs knapp 20 Personen waren. Der Druck entstand dadurch, dass wir innerhalb von kürzester Zeit uns völlig unbekannte Themen erarbeiten mussten und darüber am Ende jedes Tages Vorträge halten mussten. Das Besondere war, dass das gegebene Material meist auf Englisch war, aber mit geschichtswissenschaftlicher Ausdrucksweise, und fast immer um die 50 Seiten umfasste. Man musste also schnell lernen, den Inhalt der Materialien zu kondensieren nach dem, was gefragt war. Auch war es zu Beginn kompliziert, die Gedichte zu verstehen, die einem zu analysieren und vorstellen gegeben wurden. Da diese zum einen auf chinesisch gegeben wurden, die Erläuterung meist auf Englisch, und auch die Informationstexte zu den Merkmalen der Gedichtsgattung auf Englisch waren. Das heißt man musste unter Stress in knapp drei Stunden, vielleicht auch vier, sich neue Themengebiete aneignen und das auch noch in drei verschiedenen Sprachen.
Der Höhepunkt meines Stresslevels wurde vom dritten auf den vierten Tag erreicht. So sollte jede Person im Kurs noch abgesehen – beziehungsweise ergänzend – zum Kurs eine Präsentation in unserem thematischen Kontext erstellen. Und für den vierten Tag (was ein Montag war) war die erste Präsentation gefragt. Niemand hatte sich dafür melden wollen, also hatte ich mich dazu erbarmt und in unter 24 Stunden eine PowerPoint Präsentation erstellt. Zu einem Thema, zu dem ich kein Vorwissen hatte. Es folgte eine kleine Nachtschicht, in der ich Literaturarbeit, Erstellung einer Präsentation und Karteikarten durchführte und am nächsten Tag in der Nachmittagsschiene eine freie, 20-minütige Präsentation gehalten habe.
Aber genug von der Negativität, der Stress hat sich mit dem Voranschreiten der Zeit gelegt. Man hat sich an das Niveau gewöhnt. Außerdem haben die Kursleitenden auf unser Feedback hin das Tempo etwas gedrosselt und standen uns mehr bei Problemstellungen zur Seite. Des Weiteren stellte sich heraus, dass sich die Entscheidung, die erste Präsentation zu halten, positiv auswirkte. Zum einen musste ich nicht, wie all die anderen, noch die Präsentation halten und hatte somit früher mehr Freizeit. Zum zweiten habe ich direkt zu Beginn ein super interessantes Thema gefunden, aus dem ich dann das Thema für meine Mini-Facharbeit bilden konnte und auch kaum noch Arbeit und Zeit in die Quellen-/Literatursuche investieren musste, da ich mir den Großteil schon erarbeitet hatte.
Neben dem Lernfortschritt war auch besonders cool zu sehen, wie es ist, an einem Thema zu arbeiten, nicht um eine Note zu erlangen, sondern rein aus dem Interesse heraus, welches dann auch noch von den anderen Teilnehmern des Kurses geteilt wird. So eine Lernatmosphäre war und ist einfach einzigartig.
Das Thema der Mitteilnehmenden ist die perfekte Überleitung, um auch den sozialen Aspekt der Schülerakademie mal näher zu beleuchten, da dieser eine ebenso großen Anteil nimmt, wie der des Lernerfolgs. Insgesamt an der Akademie um die 100 Schülerinnen und Schüler teilgenommen, alle mit verschiedenen Herkünften. Von Amerika, mit einer Teilnehmerin aus Mexiko, über Europa, mit Teilnehmenden, natürlich aus ganz Deutschland, aber auch aus Rumänien und Spanien, bis nach Asien, natürlich durch China vertreten. Diese allgemeine Multikulturalität hatte schon zu sehr interessanten Gesprächen beim Essen geführt, aber besonders wichtig waren die KüAs (Kurs-übergreifende Aktivitäten), die vor allem abends angeboten wurden und auch morgens, noch vor der ersten Kursschiene.
Die KüAs umfassten verschiedenste Gebiete, ob man nun über philosophische Fragen philosophiert hat, zusammen Werwolf spielte, Judokenntnisse beigebracht bekommen hat, zusammen Improtheater machte (einer meiner Favoriten der Aktivitäten), oder einfach zusammen Sport gemacht hat (das erste Mal 10km laufen in unter 1 Stunde geschafft). Einem waren keine Grenzen gesetzt, solange man kreativ genug war, Aktivitäten zu finden, die man anbieten wollte, denn die KüAs mussten von den Teilnehmenden angeboten werden, das heißt die Akademie war das, was wir draus gemacht haben, und ich muss sagen wir haben viel draus gemacht.
Zusammenfassend kann ich für mich verschiedene Schlüsse ziehen. Ich habe zum einen ein komplett neues Themengebiet gefunden und es lieben gelernt. Vor der Akademie hatte ich kaum Ahnung über China, jetzt konnte ich mir eine fundierte Meinung bilden und habe viel mehr Wissen über eine sonst so fremde Kultur. Dieses Wissen führte auch zu einem Interesse, das ich dieses Jahr in meine schulische Facharbeit mit einfließen lassen konnte. Außerdem habe ich auch gelernt unter Druck zu arbeiten und dabei auch herausgefunden, effektiver zu arbeiten. Eine Technik, die ich jetzt auch gut für mich in der Schule nutzen kann. Aber auch das Soziale soll nicht zu kurz kommen. Ich habe so viele interessante Menschen kennengelernt und das Ganze mit den KüAs und den restlichen Interaktionen mit den Mitteilnehmenden haben den Aufenthalt eher weniger wie Schule in den Ferien anfühlen lassen, sondern eher wie eine Jugendreise, bei der ich mir auch noch nützliche Techniken im Bereich des Lernens und wissenschaftlichen Arbeitens aneignen konnte, also eine Win-Win-Situation. Auf Grundlage meiner Erfahrung würde ich auch jedem, der die Möglichkeit hat, dazu raten, es mal zu machen, es ist wirklich mehr als stumpfes langweiliges lernen, wirklich viel mehr.