Am Donnerstag, dem 2. Juli, fand an unserer Schule eine ganz besondere Veranstaltung statt. Unsere Geschichtslehrerin Frau Birken hatte das Projekt vor einigen Wochen angekündigt und dieses stieß auch gleich auf großes Interesse unter den Schülern der zehnten Klasse. Rund 20 Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte entschieden sich spontan, zwei Stunden ihrer Freizeit nach dem Unterricht in der Schule zu verbringen, um eine persönliche Geschichte zu hören, die kein Lehrbuch der Welt so packend vermitteln kann. Zu Gast war der Vater unserer Lehrerin Frau Petersen: Michael Schwerk. Er reiste aus Köln zu uns an das CMG, um als einer der nur noch wenigen verbliebenen Zeitzeugen ein einmaliges Erlebnis und einen intensiven Einblick in seine beeindruckende Biografie zu ermöglichen. Herr Schwerk verbrachte seine Kindheit in Sachsen, weshalb seine Heimat nach der Aufteilung Deutschlands in die verschiedenen Besatzungszonen unter den Einfluss der Sowjetunion fiel. Schon mit dem Bau der Berliner Mauer im Jahr 1961 war dem damals
Siebzehnjährigen bewusst, dass er aus diesem Unrechtsstaat fliehen wollte, jedoch boten sich ihm zunächst keine Möglichkeiten dazu. Erste Pläne für eine Flucht über die Grenze zerschlugen sich schnell, da das Regime die DDR-Grenze rücksichtslos mit Stacheldraht, Minenfeldern, Selbstschussanlagen und Spürhunden oder wie er sie nannte „Bluthunden“, abriegelte. Er erklärte uns sehr eindringlich, wie unwohl er sich in der sozialistischen Diktatur der SED fühlte. Da Reisen ins Ausland fast unmöglich waren, fühlte er sich eingesperrt. Nach dem Abitur arbeitete er zunächst in der Bauindustrie, bevor er seinen Wehrdienst antreten musste, eine Pflicht, die jeder junge Mann in der DDR erfüllen musste. Doch genau dieser Dienst bei der Nationalen Volksarmee sollte unfreiwillig der Schlüssel zu seiner Freiheit werden.
Durch einen Zufall wurde er 1965 als Soldat in die Nähe von Berlin versetzt. Bei Fahrten mit der S-Bahn nach Berlin bemerkte er, dass die Schienen sehr nah an der schwer bewachten Grenze vorbeiführten. In seinem Kopf reifte ein extrem gefährlicher Plan: die S-Bahn mitten auf der Strecke mit der Notbremse zu stoppen, um den kurzen Weg über die Grenzanlagen zu wagen. Am 1. November 1966 sollte dieser Plan in die Tat umgesetzt werden. Herr Schwerk fuhr mit der ihm bekannten S-Bahn in Richtung Berlin und voller Selbstvertrauen zog er an einer zuvor genau eingeprägten Stelle die Notbremse. Der Zug rumpelte, bremste scharf und noch während des Haltevorgangs sprang er aus der Waggontür über einen Signalzaun. Sofort nach dem Sprung löste er unabsichtlich ein
Signal aus, leuchtend rote Patronen zischten grell in den Nachthimmel. Unter extremer Angst und von Adrenalin getrieben rannte er los und überwand den ersten Zaun. Doch plötzlich stand er vor einer völlig unerwarteten Barriere: Ein fünf Meter tiefer, ehemaliger S-Bahn-Schacht tat sich vor ihm auf. Ohne zu zögern, sprang er in die Tiefe. Wie durch ein Wunder verletzte er sich beim Aufprall auf dem Schotter nicht, verlor jedoch seine Brille. Als im selben Moment eine Leuchtkugel von einem Grenzposten den Himmel erhellte, drohte die Situation zu eskalieren. Das Signal bedeutete: Grenzdurchbruch, Feuer eröffnen! In absoluter Verzweiflung erblickte er eine brüchige Mauer auf der gegenüberliegenden Seite. Wie eine Eidechse, wie seine Enkelin den Vorgang später beschrieb, kletterte er die Wand hoch, während zu seinem unfassbaren Glück kein einziger Schuss auf ihn abgefeuert wurde, ein Umstand, den er sich bis heute nicht rational erklären kann. Oben angekommen, stand er vor dem letzten Hindernis: einem
Stacheldrahtzaun. Er riss ihn mit den blanken Händen auf, blutete stark, kroch hindurch und war im Westen.
Zitternd vor Angst und Schmerz versteckte er sich zunächst in Hecken, bevor er
Westberliner Polizisten in der Bornholmer Straße entdeckte. Sie hatten die Notbremsung und die Leuchtkugeln längst bemerkt und hießen den blutenden, aber erleichterten jungen Mann herzlich willkommen. Nach der medizinischen Versorgung im Notaufnahmelager flog er drei Wochen später mit den Amerikanern nach Frankfurt am Main. Dort konnte ein neues Leben in Freiheit beginnen. Er berichtete von dem daraus resultierenden Glück als eine Freude, die man gar nicht in Worte fassen kann. Der Preis dafür war jedoch hoch: Er musste seine Familie ohne Abschied zurücklassen, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Von gemeinsamem Lachen über die dreisten Lügen der DDR bis hin zu Sentimentalität wegen des Zurücklassens seiner Familie war sein Vortrag von vielen tief bewegenden Momenten geprägt.
Zum Abschluss zeigte uns der Zeitzeuge historische Dokumente und Fotos. Besonders berührend war eine Collage mit dem Titel „Das ‚verdiente‘ Ende eines Staates…“. Sie zeigte Bilder vom 9. November 1989, von der legendären Schabowski-Pressekonferenz bis hin zu den historischen Szenen, als Tausende Ost-Berliner genau an der Bornholmer Straße, wo seine Flucht einst endete, unkontrolliert in den Westen strömten. Herr Schwerk hauchte den unfassbaren Grausamkeiten der DDR wieder ein Stück Lebendigkeit ein und schaffte es, uns in seinen Bann zu ziehen.
Nach gut zwei Stunden endete die Veranstaltung mit einer offenen Fragerunde, in der Herr Schwerk uns noch intensiver in seine berührende Geschichte einband und uns ermöglichte, persönliche Fragen zu stellen. Für uns alle war dieser Nachmittag ein absoluter Gewinn. Es ist eine Sache, im Unterricht über die Berliner Mauer und die deutsche Teilung zu lesen. Es ist eine völlig andere Sache, einem bemerkenswerten Mann gegenüberzusitzen, der diese Geschichte am eigenen Leib erlebt hat und trotz seiner Vergangenheit immer noch voller Lebensfreude strahlt.
Er gab uns an diesem Tag eine fundamentale Botschaft mit auf den Weg, die als eindringlicher Appell im Raum stehen blieb: Demokratie und Freiheit sind die wertvollsten Güter, die wir besitzen, und es gilt, sie unter allen Umständen und mit aller Kraft zu bewahren. Mit klarem Bezug auf die DDR als Unrechtsstaat betonte er immer wieder, dass Lügen und politischer Schwindel das Schlimmste seien und die Wahrheit und vor allem Ehrlichkeit die Grundlage für ein friedliches und schönes Zusammenleben sind.
Für diese einzigartige, zutiefst inspirierende und berührende Möglichkeit möchten wir uns aufrichtig bei Frau Birken für die Organisation bedanken. Außerdem möchten wir uns auch bei Frau Petersen bedanken. Denn ohne sie wäre der Besuch ihres Vaters nicht möglich gewesen. Ganz besonders möchten wir uns bei Michael Schwerk für seine Offenheit, seine Zeit und sein Vertrauen bedanken. Seine Geschichte hat uns gezeigt, dass wir unsere heutige Freiheit niemals als selbstverständlich ansehen dürfen
